Koloniale Verstrickungen – Das Humboldt-Forum

Von Laura May Woods

Der Wiederaufbau des Berliner Schlosses hat seit seiner Konzeption, aufgrund der damit verbundenen und problematischen Geschichte, heftige Diskussionen entfacht. Sei es aufgrund des extrem hohen Kostenaufwandes, Kritiken an der geplanten architektonischen Gestaltung des Baus oder dem darin geplanten Museum – das Berliner Schloss wirft unangenehme Fragen auf. Ende des Jahres 2020 sollen im ehemaligen Berliner Schloss die Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst, welche davor im Museumszentrum Dahlem beheimatet waren im Humboldt-Forum für Besucher zugänglich gemacht werden.  Eine Frage, die im Kontext unseres Seminares „Decolonize! Zum Nachleben des Kolonialismus im Theater“, in dem unter anderem postkoloniale Theorie und die Nachwirkungen des Kolonialismus analysiert  und diskutiert wurden, besonders  heraussticht, ist das veraltete Museumskonzept des Humboldt-Forums, welches immer noch stark auf ein Othering der außereuropäischen Kulturen setzt und damit koloniale Denkmuster perpetuiert. Auch die mangelnde Auseinandersetzung mit Deutschlands Kolonialgeschichte, und deren Nachleben, erweist sich als problematisch.

Das Humboldt-Forum versteht sich selbst als „Weltort der europäischen und außereuropäischen Künste und Kulturen“[i]. Dieses Selbstverständnis und die museale Konzeption des Humboldt-Forums haben von Anfang an eine polarisierte Diskussion ausgelöst, die Meinungen waren und bleiben gespalten. Auf der einen Seite loben Mitarbeitende und Verteidiger*innen des Museums das Konzept und sehen im neu entstehenden Museum die Chance für „ein besseres Verständnis unserer globalisierten Welt, die Völker und Kontinente näher zusammenrücken lässt“ und erhoffen sich Verweise auf die „wechselhafte Geschichte“[ii] Deutschlands. Auch soll das Museum „den globalen Austausch und […] gleichberechtigten Dialog der Weltkulturen“[iii] gewährleisten und repräsentieren. Das Vorhaben scheint nobel und auf ersten Blick frei von jeglichem kolonialen Gedankengut zu sein, jedoch hagelt es auch Kritik. Jene Kritiker*innen bemängeln, dass das Humboldt-Forum die erfolglose und unzureichende deutsche Aufarbeitung der eigenen Kolonialgeschichte wiederspiegelt. Professor Jürgen Zimmerer, ein prominenter Kritiker des Humboldt-Forums und Professor für die Geschichte Afrikas an der Universität Hamburg, kritisiert das „unreflektierte Feiern kolonialen Sammelns und völkerkundlicher Ausstellung“[iv]. Auch der Eurozentrismus des Museumskonzepts und die unzureichende Provenienzforschung werden von Zimmerer unter die Lupe genommen. Das Museum positioniere sich so, dass es von Europa aus auf den Rest der Welt schaue, was einer Hegemonie Europas entspreche, und diese koloniale Position gelte es „aus kolonialismuskritischer Perspektive zu überwinden“[v]. Diese herabschauende Position des Museums wird unter anderem durch ein Othering der außereuropäischen Kulturen erreicht und reproduziert koloniale Machtgefälle und -strukturen. Die von Zimmerer (Kritiker*innen allgemein) angestrebte Überwindung der kolonialen Position im Museum stellt eine enorme gesellschaftspolitische Chance dar, dadurch könnten die schädlichen Überreste des Kolonialismus öffentlich sichtbar beseitigt werden und erste Schritte zu mehr Gerechtigkeit in intermusealen Kooperationen geschafft werden.

Der Mangel an transparenter Provenienzforschung und der Unwille bestimmte Exponate an deren Herkunftsländer zu restituieren, wird auch heftig kritisiert. Ein bedeutender Teil der Exponate wurde unter unklaren, teils sogar gewaltsamen, Umständen von den ehemaligen Kuratoren der ethnologischen Sammlungen erworben. Für einige dieser Gegenstände gab es auch schon konkrete Bitten um Restitution, die jedoch ignoriert oder einfach nur beschwichtigt wurden. Als Beschwichtigung wird zum Beispiel versprochen in regem Austausch mit Forschenden aus den Provenienzländern zu bleiben oder die Sammlungen im Internet zugänglich zu machen. Hermann Parzinger, einer der drei Gründungsintendanten des Humboldt-Forums, stellt sich das Ganze unter dem Schlagwort „shared heritage“[vi] vor. Er listet Vorsätze auf, die den Umgang mit Sammlungsstücken aus ehemaligen Kolonien regeln sollen. Besonders wichtig sei, dass „das in Berlin verwahrte kulturelle Erbe auch den Herkunftskulturen zur Verfügung“ stehen solle und es „auch um eine Art Dekolonialisierung und Demokratisierung der Museen“[vii] ginge. Allerdings sollte nochmal unterstrichen werden, dass das kulturelle Erbe, eben nicht restituiert, sondern vorerst in Berlin verbleiben wird. Vielversprechend wirkt zunächst Parzingers Versprechen, dass Kurator*innen aus den Herkunftsländern in die Konzeption bestimmter Ausstellungen miteingebunden werden sollen. Doch dies löst nicht das inhärente Machtgefälle, was sich zwischen den de facto Besitzern der Sammlungsstücke und den nach Rat gefragten Kurator*innen, auftun wird. Parzinger und sein Team sprechen zwar von der Dekolonialisierung des Museums, wie bei solchen klar etablierten und undurchlässigen Machthierarchien ein Austausch auf Augenhöhe funktionieren soll, erläutert Parzinger jedoch nicht. Weiterhin sollen alle gesammelten Informationen und das materielle Wissen digitalisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden[viii]. Doch auch dies beantwortet nicht die Bitten nach Restitution. Weiterhin erwähnt Parzinger, dass überlegt werde „mit den Museen der Herkunftsländer in eine viel engere Kooperation einzutreten und Bestände zeitweise für Wechselausstellungen auszutauschen“ und, dass dies „unseren Kollegen in Afrika ein wichtiges Anliegen“[ix] sei. Solch ein Satz gleicht einem Schlag in die Magengrube, hier wird der bittere Nachgeschmack des noch immer vorhandenen kolonialen Gedankenguts spürbar. Die ungleichen ökonomischen und machtpolitischen Verhältnisse, welche ein direktes Resultat des Kolonialismus sind, können keine faire Diskussion auf Augenhöhe garantieren und durch Parzingers gönnerhaftes Versprechen werden kolonialistische Machtgefälle und Hegemonien reproduziert und nicht wie beabsichtigt entgegengewirkt. Parzinger, und damit auch das Humboldt-Forum allgemein, verlauten, dass unter Umständen auch eine Restitution bestimmter Objekte möglich sei, vorausgesetzt, dass diese „nachweislich illegal erworben“[x] wurden. Von Beispielen aus der Vergangenheit ist jedoch bekannt, dass die Stiftung Preußischen Kulturbesitzes, welche die Ausstellungsstücke des Humboldt-Forums stellt und dessen Vorsitzender ebenfalls Parzinger ist, eine sehr flexible Definition von illegal hat. Kwame Opoku erklärt, dass deutsche Museen oft behaupten die Sammlungsstücke aus der Kolonialzeit auf legalem Wege erhalten zu haben, da diese meist nicht direkt gestohlen wurden, sondern das Raubgut von britischen Soldaten aufgekauft wurde[xi]. So konnten, laut Opoku, viele deutsche Museen Bitten um Restitution umgehen, da oft nur explizit illegal erlangte Stücke unter internationalen Auflagen restituiert werden müssen[xii]. Was die Stiftung Preußischen Kulturbesitzes und deren assoziierte Institutionen jedoch missachten, ist, dass auch bei dieser Ankaufmethode eine kriminelle Tat begangen wurde, nämlich Hehlerei. Dies sollte auch Parzinger bewusst sein, was seine Versprechungen hohl und verlogen klingen lassen. „Denn shared heritage kann immer nur so gut sein wie die entsprechende Provenienzforschung, und ein Maximum an Transparenz über die Erwerbungsumstände ist […] unabdingbare Voraussetzung für jegliche Zusammenarbeit“[xiii], so Parzinger, doch die Provenienzforschung des Humboldt-Forums ist auch heute im besten Falle nur trüb und undurchschaubar. Die von Parzinger versprochenen öffentlich zugänglichen Informationen zu den Ausstellungsstücken und deren Provenienz sind weder auf der Website des Humboldt-Forums, noch auf der Website der Stiftung Preußischen Kulturbesitzes auffindbar.

Die bauliche Konzeption des Berliner Schlosses, und damit einhergehend auch die des Humboldt-Forums, ernten sowohl Lob als auch heftige Kritik. Befürworter des Wiederaufbaus des Berliner Schlosses loben die „prächtig rekonstruierte Barockfassade“[xiv] oder stellen sich das Schloss als „eine Belebung für das Herz der Stadt, einen Herzschrittmacher“[xv] vor, die neues Leben in die Stadt haucht. Auf Seiten der Kritik gibt es jedoch auch Beschwerden. Zimmerer bemängelt an der baulichen Konzeption, dass sie „den Eindruck [erwecke], man wolle damit städtebaulich an Preußens Glanz und Gloria und an die Zeiten vor den Weltkriegen und dem Holocaust anschließen“[xvi]. Das Berliner Schloss, welches ursprünglich ein Schloss der Hohenzollern war, wurde im zweiten Weltkrieg durch Bomben sehr stark beschädigt und anschließend 1950 von der SED-Diktatur gesprengt. Das Schloss ist also sinnbildlich für die bewegte Geschichte Deutschlands, aber gleichzeitig auch eine Erinnerung an all die Gräueltaten, die im Namen des Landes verübt wurden. Schließlich konnten im Kaiserreich Menschen wie Lothar von Trotha, der maßgeblich am Völkermord der Herero und Nama beteiligt war, unbehelligt ihre blutigen Taten verüben. Der preußische Militarismus und Kolonialismus, der unter anderem in den ehemaligen Kolonien viel Leid verursacht hat, ist von dem Berliner Schloss nicht wegzudenken und die symbolische Macht, die der Wiederaufbau eines solchen Monumentalbaus mit sich bringt, ist auch nicht unbedenklich. Die Entscheidung ein ethnologisches Museum in diesen Prachtbau der Monarchie und des Kolonialismus zu verlegen, ist ebenfalls bedenklich, da es koloniale und rassistische Ideen der Inferiorität außereuropäischer Völker wieder aktualisiert und es somit klar wird, dass in Europa noch viele Institutionen und Köpfe dekolonialisiert werden müssen. Dass sich die BRD – eigentlich ein demokratischer, sozialer Rechtsstaat – mit der vergangenen und dubiosen Geschichte des deutschen Kaiserreiches schmücken möchte, sendet bizarre Signale an eine Welt, in der Demokratie und Gerechtigkeit bis heute noch hart erkämpft werden müssen und teils in Gefahr sind.

Weiterhin müssen die ökonomischen und machtpolitischen Verflechtungen ethnologischer Museen analysiert und diskutiert werden, um Restitutionen, Austausch und Gerechtigkeit zu ermöglichen und zur Grundlage musealer Handlung zu machen. Nicht nur im Humboldt-Forum in Berlin, sondern beispielsweise auch im British Museum in London oder im Musée du quai Branly in Paris.

Ob es nun die richtige Entscheidung war das Berliner Schloss wiederaufzubauen ist mittlerweile nicht die richtige Frage, da es nicht rückgängig gemacht werden kann, vielmehr sollte man nun versuchen die Konzepte und Systeme innerhalb des Humboldt-Forums zu überdenken, wenn nicht gar auf den Kopf zu stellen.


[i] Förderverein Berliner Schloss E.V.: „Nutzungskonzept“, https://berliner-schloss.de/neues-schloss-humboldt-forum/nutzungskonzept/, zuletzt aufgerufen am 13.09.2020.

[ii] Ebd.

[iii] Ebd.

[iv] Zimmerer, Jürgen: Humboldt Forum: „Das koloniale Vergessen“, Juli 2015, https://www.blaetter.de/ausgabe/2015/juli/humboldt-forum-das-koloniale-vergessen, zuletzt aufgerufen am: 12.09.2020.

[v] Ebd.

[vi] Parzinger, Hermann: „Gemeinsam geerbt: Das Humboldt Forum als Epizentrum des Shared Heritage“, 17.10.2016, https://www.preussischer-kulturbesitz.de/?id=2056, zuletzt aufgerufen am: 11.09.2020.

[vii] Ebd.

[viii] Ebd.

[ix] Ebd.

[x] Ebd.

[xi] Opoku, Kwame: “Did Germans Never Hear Directly or Indirectly Nigeria’s Demand for Return of Looted Artefacts?”, Sep. 2013, https://www.no-humboldt21.de/information/nigeria/, zuletzt aufgerufen am 12.09.2020.

[xii] Ebd.

[xiii] Parzinger, Hermann: „Gemeinsam geerbt: Das Humboldt Forum als Epizentrum des Shared Heritage“, 17.10.2016, https://www.preussischer-kulturbesitz.de/?id=2056, zuletzt aufgerufen am: 11.09.2020.

[xiv] Bartlick, Silke: „Endlich – Berlin hat wieder sein Schloss!“, 21.08.2018, https://www.dw.com/de/endlich-berlin-hat-wieder-sein-schloss/a-45161019, zuletzt aufgerufen am: 13.09.2020

[xv] Krause, Tilman: „Das neue Berliner Stadtschloss wird voll schön“, 25.04.2015, https://www.welt.de/kultur/article140078171/Das-neue-Berliner-Stadtschloss-wird-voll-schoen.html, zuletzt aufgerufen am: 13.09.2020.

[xvi] Zimmerer, Jürgen: „Humboldt Forum: Das koloniale Vergessen“, Juli 2015, https://www.blaetter.de/ausgabe/2015/juli/humboldt-forum-das-koloniale-vergessen, zuletzt aufgerufen am: 12.09.2020.

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